Delfinschwimmen geht auch anders: achtsam und mit Respekt.

Mit den Hütern des Meeres verbunden

Nun sind es exakt 3 Wochen her, seit ich mir einen grossen Wunsch erfüllt habe: Einmal mit Delfinen im selben Wasser auf Tuchfühlung gehen. Vorneweg: Erwartungen übertroffen! Es war wirklich traumhaft.

Aber der Reihe nach: Ich war neugierig auf Holger, mit dem ich schon Monate in Email- und telefonischem Kontakt stand. Er ist der Organisator verschiedener Reisen und ein Ägyptenkenner. Wir treffen ihn also das erste Mal in Natura im Hotel von Marsa Alam/Ägypten an, wo wir nach und nach die anderen Gruppenteilnehmer kennenlernen. Diese ist bunt gemischt aus Schweizern, Deutschen und Österreicher im Alter zwischen Dreizehn und etwa anfangs der Sechzig. Was für eine Freude, dass auch Teenager dabei sind, die ordentlich für spielerische Qualität sorgen.

Nach Vorstellungsrunden und gemeinsamem Gedankenaustausch geht es also am Montag Morgen los zum Hafen, wo uns unser Schiff erwartet: die neu renovierte New San Giovanni mit einer Crew von 6 Einheimischen, die sich liebevoll und fröhlich um uns kümmern. Die Fahrt ins offene Meer hinaus bis zum Sataya-Riff dauert etwa 2 ½ Stunden und ist wild, wellig und mein Magen hat einige Mühe damit. Doch die kommenden Tage sollten das ausgleichen.

«Yallah Yallah!»

Nachmittags sollen wir erstmals den freien Delfinen begegnen. Bereits in Schnorchelmontur paddeln wir im Schlauchboot in die Nähe der gesichteten Delfine. Sogleich sollen wir uns «Yallah Yallah» (Arabisch = schnell schnell) rückwärts ins Wasser plumpsen lassen, die Delfine bestaunen, wieder ins Boot und zum nächsten Schauplatz, wo sich das Ganze dann wiederholt. Es war schön… und doch….

Abends beim Austausch wird klar, dass das so nicht stimmig war. Holger informiert uns, dass es den Spinner-Delfinen hier im Sataya-Riff nicht so gut gehe. Täglich würden in der Hauptsaison viele Touristen hierhin brausen, um den wunderbaren Geschöpfen mit gierigen Augen und  Schwimmbewegungen nachzujagen, und ihrem natürlichen Lebensraum stören. Gemeinsam beschliessen wir, dies anders angehen zu wollen.

Demut und Respekt

Als Gruppe verbinden wir uns immer wieder in Meditationen mit diesen Wasserwesen und am nächsten Tag, als es wieder raus in die Bucht gehen soll, staunt unser ägyptischer Delfinführer nicht schlecht, als Holger ihm mitteilt, dass wir dass wir nicht mitten in den Pulk, sondern dorthin wollen, wo niemand ist. Wir möchten die Delfine einladen, im Austausch mit ihnen zu sein. Abwarten, ob sie selbst zu uns kommen wollen. Ohne Hektik plätschern wir im Wasser herum, bis Holger anregt, gemeinsam einen Kreis zu bilden. Noch sind wir nicht richtig beisammen, als zu unserer grössten Freude bereits ein Delfinschwarm unter uns durchschwimmt: Etwa fünfzig bis sechzig wilde Delfine sind es, die uns freiwillig beschenken und uns bestätigten, dass wir richtig gehandelt haben. Fernab von den anderen vielen Menschen und Booten, geniessen wir den Anblick, die Ruhe, die Freude, die uns durchströmt. Eine starke Begegnung!

Bedenklicher Delfintourismus

Die Spinner-Delfine, welche hier im Sataya Riff mitten im Roten Meer leben, jagen nachts ausserhalb und kehren tagsüber zum Riff zurück. Viele schlafen und lassen sich von den wachen Mitgliedern mittreiben. Vor lauter Touristenströmen finden sie kaum mehr Ruhe. Deshalb ist Delfintourismus zu Recht umstritten. Etwas ahnungslos, habe mir bisher  keine grossen Gedanken darüber gemacht. Umso mehr Ehrfurcht und Demut empfinde ich jetzt für diese Tiere.

Wir haben das Glück, mit unserem Boot vier ganze Tage im Riff sein zu dürfen – die Zeit dehnte sich dort ungewöhnlich aus, es kam mir viel länger vor – so haben wir genug Gelegenheiten, auf verschiedene Arten mit der Unterwasserwelt in Kontakt zu kommen.

Am letzten Tag, wir bemühen uns, keine Erwartungen an die Delfine zu haben, dass wir sie zum Abschied nochmals sehen wollen, werden wir erneut beschenkt! Eine Delfinschule von etwa dreißig bis vierzig Tieren zieht an uns vorbei. Ich habe Mühe, nicht die Taucherbrille voll zu heulen. Sanft entschwinden sie in der blauen Ferne, drehen um und lassen uns nochmals teilhaben an deren Schönheit. Nicht weniger als fünf Mal Mal beglücken sie uns an diesem letzten Abschieds-Schwumm, als wollen sie uns belohnen für unsere Rücksicht, unsere Verbindung, unsere Wertschätzung.

Wieder festen Boden unter den Füssen zu haben, ist eine Herausforderung. Noch Tage danach begleitet mich der Wellengang. Ich nehme es als Geschenk, mich langsam durch den wieder beginnenden Arbeitsalltag zu bewegen. Mein Körper verarbeitet die starken Eindrücke nur schwer eine schlimme Erkältung erfasst mich und einen Tag nach meiner Rückkehr kämpfe ich mit Hexenschuss. War die allgegenwärtige Klimaanlage auf dem Boot/dem Bus/dem Hotel/dem Flugzeug daran schuld? Wie auch immer, diese Erfahrung möchte ich nicht missen, bin voller Dankbarkeit und den starken Wunsch, den Delfinen wieder zu begegnen.

Wer sich auch auf dieses Abenteuer einlassen möchte, empfehle ich Holgers tolle Organisation und achtsame Führung: www.freedolph.in

Auch lesenswert ist dieser Artikel im Zusammenhang der Touristenströme in Sataya: https://taucher.net/diveinside-sataya_dolphin_reef._delfine_leiden_fuer_den_tourismus-kaz170

 

Patrizia Isler, 3. November 2018 – erschienen in der Zeitschrift Spuren (Schweiz) im März 2019

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